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Kritische Gedanken über Corona

Rote Tür

Kommentar

Prolog

Niemand von uns kann momentan etwas für die Patienten unternehmen, außer den Medizinern, die Tag und Nacht für sie kämpfen. Was wir alle tun können und müssen, ist den Maßnahmen der Experten und Regierungen zu folgen. Es liegt hier fern, irgendjemandem in besorgter oder gar trauernder Situation zu nahe zu treten. Vielmehr senden wir Trost, Kraft und Energie zu allen Betroffenen. Dies ist als essayistischer Beitrag zum Diskurs und als konstruktiver Dialog angedacht. Schützt euch, damit die geschützt werden, die besonderen Schutz benötigen – bleibt zuhause!

 

 

Der Mensch im Wandel

Vieles wird nach der historischen Zäsur durch ein sich international verbreitendes Virus nicht mehr so sein wie einst. Die Folgen werden innerhalb einer großen Anzahl von Bereichen bemerkbar sein und so auch in kultureller und sozialer Manier Auswirkungen zeigen.

Gewiss ist, dass wir als Gesellschaft, aber auch jeder individuell, Anpassungen im Verhalten sehen werden. Die Standards in der Hygiene, die mittlerweile zum Konsens geworden sein dürften, werden uns so schnell nicht mehr verlassen. Hände waschen wird wohl integraler Bestandteil unseres Lebens bleiben – nur in der post-coronalen Zeit eben sensibilisierter. Quantität und Qualität werden eine andere sein, aber auch unser Umgang mit Krankheit und dem Weg zur Arbeit. Aber werden wir unsere Begrüßungsformeln wiederaufnehmen oder zu einer sozial distanzierteren Alternative wechseln? Werden wir zukünftig unterschiedlichste Formen sehen und damit Diversität eine neue Symbolik geben, oder kehren wir aus Trotz und aus guter (?) Tradition zu Bekanntem zurück? Diese kleinen Fragen reihen sich aber natürlich hinter die eigentlich Essenziellen. Hat uns die Situation geholfen, Empathie und Solidarität nicht nur aufzubauen und zu stärken, sondern haben wir sie verinnerlicht – wird daraus ein Wert, der auch überdauert? Wie verändern wir uns auf gesellschaftlicher Ebene? Gehen die weit auseinanderliegenden Generationen wieder aufeinander zu und zelebrieren ihre gegenseitige Wertschätzung – wird daraus ein neuer Generationenvertrag, bei dem wir alte Ressentiments aufgeben können? Und was ist mit der von uns allen abverlangten Vernunft, immerhin sind wir dafür begabte Wesen, wie einst ein gewisser Immanuel Kant schrieb. Gibt es eine Renaissance des Hedonismus, sprich der Lustfixierung, oder kultivieren wir eine stoische Perspektive auf Nachrichten und Informationen, die in der Vergangenheit alles andere als logisch und dennoch effizient den Verstand von zu vielen beeinträchtigte? Wenn eines ersichtlich wurde, dann doch, dass die Populisten und Demagogen ihre Ignoranz und Unprofessionalität so an den Tag gelegt haben, dass sie eigentlich ein für alle Mal entlarvt und demaskiert sein sollten – für diese Einsichten haben wir doch einen Hinterkopf, oder?

 

Die Zukunft wird nicht planlos

Festzuhalten gilt es, dass die Lernkurve in der derzeitigen Situation steil ist. Wie werden die Erkenntnisse nun genutzt? Wird es Notfallpläne geben, und werden sie die bisherigen in ihrer Wirkkraft überragen? Einige Unternehmen helfen jetzt schon, wo sie können und stellen teils konsequent ihre Produktion um. Sogar die Film- und Serienwelt hilft mit. Im besten Falle werden viele Unternehmen folgen und in Zukunft, tief im Schreibtisch, solche Pläne für die Umstellung der eigenen Produktion im Falle eines Falles bereitstellen. Immerhin liegt auch ein Potential in solchen Überlegungen, denn wer noch systemrelevant ist oder dadurch wird, kann auch weiter den Betrieb aufrechterhalten. Zumindest muss es in den Regierungen neue Krisenpläne geben und entsprechende Arbeitsgruppen müssen weiter daran arbeiten, um in zukünftigen Krisen Stabilität zu gewährleisten.

Leider hinken manche Präventionsmaßnahmen noch an einigen Stellen hinterher. So ist der Transport von Menschen immer noch eine Herausforderung, und auch einige Verkaufsstellen schützen bislang ihre Mitarbeiter noch unzureichend. Hier würde es bereits helfen, wenn Entscheidungsträger die Sorgen ihrer Mitarbeiter im Verkauf wahr- und ernst nehmen.

 

Vorsicht ist besser als Nachsicht

Welche Lehren werden wir aus diesen Zeiten ziehen, und welche Konsequenzen werden wir im besten Falle alle gemeinsam wählen? An oberster Stelle konnten wir alle miterleben, wie ganze Systeme kollabierten, und wir konnten auch nachverfolgen aufgrund welcher desolaten Problematiken dies geschehen ist. Können wir diese Systeme sehenden Auges so weiterlaufen lassen, oder ziehen wir Schlüsse aus unseren Fehlern und hören zukünftig auf Warnungen im Vorfeld?

Wenn Masken aus der zivilen Bevölkerung gespendet werden, um die notwendige Ausrüstung in den Krankenhäusern zu gewährleisten, wenn Desinfektionsmittel mittlerweile von Apotheken selbst hergestellt werden kann, es jedoch an den Rohstoffen mangelt, ja wenn auch die entsprechenden medizinischen Geräte von Unternehmen produziert werden, die sonst ganz andere Güter herstellen, dann wird es Zeit, festzustellen, dass diese Materialien bevorratet werden müssen. Zivile Notfallreserven wie Kornkammern oder Ölreserven gibt es bereits, nun sollten einige wichtige Güter hinzukommen. Es kann auch keine schlechte Idee sein, zukünftig wichtige Artikel der Grundversorgung, wozu auch medizinisches Material gehört, vor Ort produzieren zu lassen – die Wirtschaftlichkeit von Produkten aus anderen Ländern, lässt sich häufig nur aufgrund widriger Bedingungen und Löhne erreichen. Eine jeweils hiesige Produktion könnte in Krisen wesentlich schneller reagieren und stünde damit nicht nur unter unserem Schutz, sondern wäre auch gefeit vor gefährlichen Deals, Korruption oder Wucher.

 

Öffentliche Hand statt unsichtbare Hand

Können Krankenhäuser nach den Erfahrungen der Krise, aber auch nach den Erfahrungen der prekären Lagen davor, noch weiterhin gewinnbringend organisiert sein? Stellen wir wirklich Kostenfaktoren über die Gesundheit der Bürger? Der Kostendruck auf den Krankenhäusern war und ist so erdrückend, so dass viele bereits schließen oder Insolvenz ankündigen mussten. Darunter leiden alle – Patienten, Pflegepersonal, Behandlungszeiten, medizinische Ausrüstung; die Liste ist lang. Wer jetzt an Vergesellschaftung denkt, zusammenschrickt und Schnappatmung bekommt, dem sei Garzweiler und Autobahnbau vor Augen geführt. Niemand muss sich dieser Tage als Sozialist beschimpfen lassen, wenn er oder sie das kapitalistische System dafür kritisiert, dass es eben nicht alles selbst regelt. Die unsichtbare Hand des Marktes greift im medizinischen Sektor schlicht nicht und ist ohnehin eher ein Mythos. Bereits vor Tagen reagierte Spanien und zog die privaten Krankenhäuser wieder an sich – sogar ein bedingungsloses Grundeinkommen scheint möglich. Auch ein Abbau der bürokratischen Hemmschwellen wäre momentan (aber auch zukünftig) eine hilfreiche Maßnahme. Die Verteilung von Ressourcen oder die Hilfen für Unternehmen sowie Selbstständige laufen nach wie vor zu langsam und zu kompliziert. Eine Entbürokratisierung würde alle entlasten – auch nach der Krise.

 

Es war einmal eine Idee

Angesichts der überwältigenden Mengen von Finanzspritzen und Hilfspaketen ist dabei stets zu bedenken, dass beinahe alle Staaten diese Gelder nur mithilfe von neuen und noch größeren Schulden vergeben können. Wird die EU ihrer Rolle gerecht werden? Es stellt sich gerade hier die Frage nach der Konsequenz, wenn die Krise überstanden ist. Immerhin mussten auch Länder finanzielle Unterstützung gewähren, die sie eigentlich nicht haben oder leisten können. Ohne diese Hilfen wäre die Krise für eine unmessbare Zahl von Menschen, aber auch Unternehmen, ob klein oder groß, beileibe katastrophaler und existenzieller. Die Antike hat sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit Schulden entwickelt, aber am Ende lief es eigentlich immer ähnlich. Die Etrusker zerwarfen einfach ihre steinernen Platten, auf denen die Schulden notiert waren, und in Babylonien brachte ein neuer Herrscher auf dem Thron auch immer eine Tabula Rasa mit sich – sie machten reinen Tisch. Zeit über einen (internationalen?) Schuldenschnitt zu sprechen, erst recht nach der Finanzkrise, durch deren Handhabung jetzt Länder (unter anderem) wegen der rigorosen Sparpläne vor unlösbaren Problemen stehen. Wer die gesamte Geschichte der Schulden und dieser Idee nachlesen möchte, kann dies bei David Graeber tun. Letztlich ließen sich so manche utilitaristischen Debatten über „Opferungen“ in Abwägung mit ökonomischen Interessen überwinden. Auch die ewig starre Haltung einiger EU-Länder bezüglich der Sparpolitik sollte jetzt wieder zur Diskussion stehen, denn die Länder mit auferlegten Sparmaßnahmen ächzen gerade jetzt unter diesen. In der post-coronalen Zeit könnte man folglich wieder über die Position Hayeks im Gegensatz zum keynesianischen Modell debattieren (humoristischer Vergleich oder trockener Überblick?). Jetzt wäre jedenfalls die richtige Zeit, für Ökonomen nach sinnvollen Alternativen zu suchen – das geht auch im Home-Office.

 

Der Rollback des Klimaschutzes

Obwohl momentan allerorts teils erstaunliche Effekte und relevante Messungen zeigen, dass sich Teile der Natur erholen und Tiere eine freie Bewegung zurückerhalten, darf allerdings nichts darüber hinwegtäuschen, dass dem Kampf gegen den Klimawandel eine schwere Zeit bevorsteht. Denn das Problem ist, dass diese Effekte nicht von Dauer sein werden und sie nur eine kurzfristige Erholungserscheinung sein dürften. Im Gegenteil! Wenn sich nun wieder Wildtiere ansiedeln und ihre natürlichen Habitate erweitern, werden diese sicherlich wieder mit Gewalt vertrieben. Die Gefahr ist groß, dass noch eine viel verheerendere Konsequenz nach der Krise droht – der Rollback. Wenn am Ende das Geld fehlt, da die Wirtschaftssysteme der Länder bedingungslosen Vorrang erhalten, wird der Kampf gegen den Klimawandel womöglich ins Hintertreffen geraten. Doch, dass der Weg von einer Krise in die Nächste, kein gangbarer ist, sollte eigentlich allen ersichtlich sein. Der Green Deal der EU, vor kurzem noch ein kleiner Lichtblick in der Sicherung unserer Zukunft, wird angesichts der Menge an Geldern, die die EU gerade verteilt, vermutlich in Gefahr sein. Umso wichtiger ist es, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und die bisherigen Anstrengungen nicht zugunsten einer kurzsichtigen Auffassung zu verwässern. Staatliche Hilfen können auch mit nachhaltigen Kriterien verbunden werden – der Weg raus aus der einen Krise muss nicht der Weg in eine Nächste werden.

 

Artenschutz ist Menschenschutz

Vielleicht werden wir auch lernen, dass aus der massenhaften Haltung leidensfähiger Tiere unter Verwendung von massiven Medikamenten, Viren und Bakterien einfach ein zu leichtes Spiel haben. Ein Blick auf vergangene Epidemien zeigt die Notwendigkeit, den Sektor der Ernährung umzugestalten, die Menschen aufzuklären und die Regierungen zu mehr Schutz und Weitsicht aufzufordern. So ist Umweltschutz auch immer ein Artenschutz für Menschen. Mit einer Verringerung der Massentierhaltung blieben viele Lebensmittel für bedürftige Regionen verfügbar, die Anzahl der leidenden Tiere könnte reduziert werden und die Verwendung von tonnenweise Antibiotika könnte deutlich geringer ausfallen – ein Win Win Win.

 

Demokratien in Gefahr

Die Einschnitte in unsere Freiheit sind momentan unumgänglich und werden von einer breiten Mehrheit unterstützt, aber werden sie auch wieder anstandslos und vollumfänglich zurückgenommen? In einigen Ländern bereits praktiziert, wird in Deutschland noch über die Nutzung von Handydaten diskutiert. Datenschutz ist aber ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsrechte – auf Freiwilligkeit zu setzten wäre das richtige Zeichen, aber wirkt es auch bei der Unterbrechung der Infektionsketten? Ein Dilemma. Ebenso steht es mit den Grenzen, die derzeit weitestgehend geschlossen sind. Ein freies Europa ohne Grenzen war bereits bei Stefan Zweig Teil des Lebensgefühls – kommt dieses wieder? Demokratische Strukturen müssen wieder gestärkt werden und die bisherigen Einschnitte in die Freiheit der Bürger zurückgenommen werden, da der Weg in die Diktatur anscheinend ein einfacher ist.

Denkt bitte gerade jetzt auch an diejenigen Menschen, die weit weniger Schutz und Hilfe haben; die in undemokratischen Strukturen leben müssen und von den Regierungen im Stich gelassen werden. Während wir zuhause auf der Couch die Krise aussitzen, kämpfen in Moria auf der griechischen Insel Lesbos Tausende Menschen um ihre Existenz. Jede_rkannhelfen.

 

Eine düstere Prognose

Nichts davon wird vielleicht eintreffen, denn die Argumentationen werden nach der Krise ebenso klingen wie vor der Krise. Irgendjemand wird sicherlich deklamieren: „Der Wirtschaft könne man es momentan und noch dazu in dieser angespannten Lage, nicht zumuten, sozialpolitische Experimente einzugehen.“ Doch den Stillstand erleben wir gerade jetzt. Was wir nach der Krise brauchen, ist eine Bewegung, die Investitionen ermöglicht und erkannte Probleme auflöst. Was die Wirtschaft betrifft, und zwar auf internationaler Ebene, muss es wie schon nach der Finanzkrise auf einen internationalen Schuldenschnitt hinauslaufen, den es damals schon nicht gab und auch dieses Mal wohl nicht geben wird. Wenn ein wirtschaftsliberaler Kurs so offensichtlich den Bedürfnissen der Mehrheit, dem gesamten Gesundheitswesen, Sozialbereich und Bildungswesen zuwiderläuft, dann lässt sich wohl unverhohlen von einer Paradoxie im System sprechen.

Häufig genug war es in der Vergangenheit zu beobachten, dass die Krise nach Überwindung schnell wieder in Vergessenheit geriet. Sogar Gegenmaßnahmen wurden nach einer bestimmten Zeit wieder zurückgenommen, dieses Mal sollten wir allerdings alle die Erfahrungen nicht verblassen lassen. David Graeber fasste es in einem aktuellen Interview mit der Zeit so zusammen: „Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte man Ähnliches beobachten: Einige Wochen lang haben alle gesagt: ‚Oh, alles, was wir für wahr gehalten haben, stimmt ja gar nicht!‘ Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: ‚Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wie vorher!‘“

Mit der Klimakrise steht uns allen die größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte bevor, und die Lösung des Verteilungsproblems und der Befriedung der Gesellschaften ist zwangsläufig ein Schlüsselproblem, das mit der Errettung des Klimas einhergeht. Solidarität kann es auf vielen Ebenen geben – sie muss nur beginnen! Bedient euch eures Verstandes – euer beeanco-Team (Ulf S.)

 

Mai Thi Nguyen-Kim über den weiteren Verlauf

 

Foto: Robert Anasch

 

PS: Hier geht es zu dem positiven Blog. Bleibt gesund und denkt positiv!

 

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