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Irrsinn Kohlepolitik: Ein Besuch im Hambacher Forst

Leben unter dem Blätterdach

Glosse

 

Irgendwo im Nirgendwo

Es ist ruhig dieser Tage im Hambacher Forst. Nur vereinzelte Relikte von Barrikaden und Blessuren des Asphalts auf der Zugangsstraße zeugen noch von den turbulenten Tagen, die hinter diesem kleinen Waldstück liegen. Diese Straße verdeutlicht zeitgleich die Dimension des Waldes, findet allerdings auch ihr jähes Ende an der Abrisskante zum Tagebau, die direkt an den Wald heranragt und die Gefahr der Erosion mit sich bringt. Um in das kleine Waldstück zu gelangen, muss man allerdings erst an verlassenen grauen Dörfern wie Morschenich vorbeiziehen, die zusammen mit dem gigantischen Loch des Kohletagebaus Hambach eine dystopische und surreale Landschaft hinterlassen. Was am und im Wald direkt auffällt, ist die beruhigende Stille, die mittlerweile eingezogen ist – das war nicht immer so.

Zugangsstraße zum Hambi

Zugangsstraße zum Hambi

 

Abrisskante direkt am Wald

Abrisskante direkt am Wald

 

 

Turbulente Tage – der Hintergrund des Waldes

Der Hambacher Forst ist einer der ältesten Wälder Deutschlands und umfasste einst etwa 4000 Hektar. Durch die Rodungen des Energiekonzerns RWE existieren heutzutage noch ca. 200 Hektar, die eigentlich auch dem Abbau der Kohle weichen sollten. Natürlich sind es nicht mehr dieselben Bäume wie am Anfang des Lebenszyklus, was so manch ein vermeintlich spitzfindiger Kritiker ins Feld führte, aber es ist nach wie vor ein funktionierender Wald und ein Zeitzeuge der Geschichte des Gebietes.

Bereits in den 70er-Jahren formierte sich ein Protest gegen die Abholzung des Waldes und gegen den Abriss der Dörfer, die ebenfalls dem Kohleabbau zum Opfer fallen und fielen. Der Protest der Anti-Kohle-Bewegung sammelte sich im Laufe der Jahrzehnte und führte zu unterschiedlichen Gruppierungen aber auch zu wirkmächtigen Organisationen, die auf rechtlichem Wege versuchen, dem Raubbau an der Natur etwas entgegenzuhalten. Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) klagt seit 2009 gegen RWE. Durch die fortschreitende Zerstörung des Waldes wurde dieser bereits 2012 zeitweise besetzt, um so die Rodung zu verhindern. Das Mittel und die Taktik dafür waren in schwindelnder Höhe liegende Baumhäuser, auf denen die Aktivisten leben. Es ist also nur unter Gefährdung von Menschenleben möglich, den Wald weiter zu fällen. Diese Strukturen und auch die anliegenden Camps wurden daraufhin immer wieder geräumt und die Aktivisten festgenommen – ohne Erfolg, denn was so schnell zerstört wurde, konnte auch blitzschnell wieder aufgebaut werden.

Baumhäuser in schwindelnder Höhe

Baumhäuser in schwindelnder Höhe

 

Botschaften an den Baumhäusern

Botschaften an den Baumhäusern

 

Ein fortwährender Konflikt entstand, der seinen bisherigen traurigen Höhepunkt im Jahre 2018 erfuhr. Es war der größte und teuerste (23 Millionen Euro) Polizeieinsatz in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen. Die gesamte Geschichte des wahnwitzigen Einsatzes würde hier sicherlich den Rahmen sprengen, ist jedoch eine spannende Abfolge politischer Entscheidungen und symbolischer Machtspiele, die zu immer weiteren Konflikten zwischen beiden Seiten führte. Die Verstrickungen der Politik und des Unternehmens RWE würden auch gut in den letzten Blog-Beitrag über Lobbyismus passen. Letztlich wurde eine rechtliche Grundlage zur Räumung der Baumhäuser gefunden, indem eine Gesetzesänderung diesen „Konstruktionen“ eine Gefährdung des Brandschutzes unterstellte. Die vierwöchige Räumung mit einem Großaufgebot der Polizei (insgesamt waren 31.000 Einsatzkräfte im Wald) ist in die Geschichte eingegangen und hat das Land tief gespalten – eine landesweite Umfrage ergab, dass 83 % der Bevölkerung gegen die Abholzung des Waldes stimmen. Genutzt hat der Einsatz allerdings nichts, der Hambacher Forst ist kurz darauf wieder besiedelt worden. Momentan liegen keine offiziellen Bestrebungen zum erneuten Versuch einer Räumung vor, allerdings bedeutet dies am Ende nicht, dass der Wald gerettet ist – die Besetzung, das Leben zwischen den Ästen und der Kampf um die übrigen gefährdeten Dörfer gehen weiter. Momentan wird eine Landstraße, die zu den am Rande des Tagebaus liegenden Dörfern führt, zurückgebaut und zerstört. Auch hier sammelt sich Widerstand und Protest – am 30.08.2020 ist eine Demo in Lützerath (Kreis Heinsberg) geplant, um auf die andauernde Zerstörung der Dörfer hinzuweisen.

Klimacamp in Lützerath

Klimacamp in Lützerath

 

Überreste einer Landstraße

Überreste einer Landstraße

Workshops unter dem Blätterdach

Während der letzten zwei Wochen wurden im umkämpften Wald kostenlose Workshops und DIY-Kurse offeriert. Das Angebot ging dabei von praktischen Kursen, wie sicher und nachhaltig gebaut werden kann, über das Richtige Knüpfen von Knoten, bis zu mentalen und aufklärerischen Workshops rund um Acht- und Aufmerksamkeit. Natürlich gingen einige Kurse ebenfalls um die Sensibilisierung zur Toleranz und dem Kampf gegen Rassismus. So manch ein Seminar wurde auch in Englisch abgehalten und zeugt so von der Internationalität, die vor Ort gelebt wird. All jenes wurde begleitet von veganem Essen und einer spürbaren Gastfreundschaft. Derlei Veranstaltungen und weitere Aktionen, wie gemeinsame Spaziergänge, finden immer wieder statt und laden zum Erleben ein. Wirft man dabei einen Blick auf die vermeintlich improvisierten Konstruktionen, wird erst bewusst, wie geschickt und elegant die Bäume geschont werden und ein Miteinander im Vordergrund steht.

An den Baum gebunden

An den Baum gebunden

 

Waldeinsamkeit?

Ist das Leben inmitten der Flora und Fauna nun einsam, isoliert und von Verzicht geprägt? Mitnichten, denn die Community ist stets im regem Austausch z. B. auch in der gemeinsamen „Küche“. Einige benachbarte Dorfbewohner unterstützen die Waldbewohner auch regelmäßig, und die zahlreichen Besucher lassen wohl nie Langweile aufkommen. Der selbstauferlegte Verzicht und Minimalismus trägt dabei spannende Früchte. Es gibt für alles einen Weg und eine Lösung, für alles Alternativen und andere Optionen. Die Frage, die sich der Wald stellt, ist die nach einem anderen „Sein“, einem anderen Zusammenleben, aber auch Überleben im Schatten der Klimakrise. Natürlich werden auch große und kleine Systemfragen dabei diskutiert, doch der Antrieb zur Gemeinschaft mit Mensch und Natur ist dabei im Fundament von Friedfertigkeit und Gewaltverzicht geprägt. Im Gespräch mit einem Waldbewohnenden stellte sich das Mitwirken am gesellschaftlichem Wandel und die Symbiose mit dem Wald und der Natur als zentral heraus. Aber auch häufige „Besuche“ der Polizei, die mit allen Mitteln nach Strafbarkeiten sucht, um die Bewohner als Kriminelle darzustellen, inklusive Festnahmen, die nach Stunden ohne Rechtsbeistand wieder aufgehoben werden, wurden ausführlich beschrieben.

Aktivismus und Einsatz

Aktivismus und Einsatz

 

Entdeckt das Spazierengehen für euch

Es stellt sich schon als besondere Paradoxie heraus, wenn der Blick an den gewaltigen Baggern vorbei auf Windkrafträder fällt, die jetzt schon rund um den irgendwann größten Binnensee Europas stehen. Allgemein ist das Treiben hinter dem Abbau der Kohle alles andere als logisch. Nicht nur wird ein irreversibler Schaden an der Natur akzeptiert, und Tausende Menschen wurden und werden enteignet und entwurzelt, nur um einen obsoleten Energieträger weiter zu betreiben, der sich längst nicht mehr rentiert und aus Steuergeldern subventioniert werden muss. Der Ort der Kindheitserinnerungen und des Aufwachsens fällt der Produktion von Energie anheim, obschon es längst Alternativen noch und nöcher gibt – in etwa das ist die Definition des Gegenteils von Nachhaltigkeit.

Diese Farce der deutschen Klimapolitik sollte Jede und Jeder einmal mit eigenen Augen gesehen haben, und immerhin ist es in deutschen Wäldern absolut erlaubt, zu spazieren, und der „Hambi“ ist keine Sperrzone. Also hinaus in die frische Luft! Den Waldboden unter den Füßen spürend, ist jeder eingeladen, sich einen eigenen Eindruck und Einblick zu verschaffen. Für nützliche Mitbringsel und unterstützende Güter wie Lebensmittel und Ähnliches, findet sich immer ein ehrlicher Dank. Nur wer selbst im Hambacher Forst war, erkennt die Notwendigkeit und Wirkmächtigkeit der Aktivistinnen und ihr Anliegen – wir sehen uns im Wald. Euer beeanco-Team (Ulf S.)

Bagger vs. Windkraft

Bagger vs. Windkraft

 

Fotos: Ulf S.

 

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